FILMSAMSTAG

Filmsamstag am 13. Januar 2007

Studiokino, Babylon Mitte, Berlin 13.Januar 2007, 18.00 Uhr


Die Vergangenheit in der Gegenwart

An diesem Filmsamstag stelle ich einige sehr persönliche Filme vor, die sich mehr oder weniger direkt mit der Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart beschäftigen.

Zu Anfang ein Film von Barbara Meter aus Amsterdam: Stretto verbindet alte Portraitfotos mit neuen Filmsequenzen. Der Film ist eine auf der optischen Bank entstandene Collage, die dem Zuschauer eigene Interpretationen offen lässt. Dazu die Komposition „Music for Prepared Piano“ von John Cage. „Stretto“ ist ein musikalischer Begriff und bedeutet so viel wie „kontrapunktische Engführung“, eine thematische Verdichtung.

Deborah Phillips lässt in dem eineinhalbminütigen 35mm-Film Geographie drei jüdische Frauen unterschiedlicher Herkunft auf Deutsch, Türkisch und Russisch über die Frage nach ihrer Heimat und Zugehörigkeit sprechen. Dazu sieht der Zuschauer abgefilmte, auf dem Tricktisch montierte Landkarten. Die malerischen Flecken auf dem Filmmaterial erzeugte Phillips mit Hilfe von schimmeligem Quark.

Milena Gierke Depuis que je me souviens
„Seit ich mich erinnern kann“: Von frühester Kindheit an kenne ich die Landschaft rund um das kleine Dorf „le Cros“ in den französischen Cevennen. Der Film handelt von unsichtbaren Spuren, von einem Ort, den ich liebe, während mich die vielen verschiedenen Erinnerungen an die dortigen Ereignisse zugleich erdrücken. Die äußere Schönheit einer Landschaft an verschiedenen Tagen und in unterschiedlichen Stimmungen ist zugleich das indirekte Abbild einer Verwirrung und Ambivalenz, hervorgerufen durch das Nachwirken von Geschehnissen, die mein Leben und die Geschichte meiner Familie weitgehend bestimmt haben:
Fast jedes Jahr bin ich im Urlaub mit Familie, Freundinnen oder Partnern hierher gefahren. Den Weg auf den Berg bin ich oft gegangen. Dort oben versteckten sich meine Großeltern, beide ehemalige Schau-
spieler, im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis in einem winzigen Dorf namens Fenouillet. Mein Großvater hat damals auf den Feldern als Tagelöhner gearbeitet, meine Großmutter meine Mutter geboren und die Familie versorgt. Hinter dem Berg im Film befand sich ein Versteck der Résistance. Die Nazis haben dort sieben unschuldige junge Männer erhängt, weil sie die eigentlichen Widerstandskämpfer nicht finden konnten. Das alte Haus, von dem aus ich filme, hat mein Großonkel nach dem Krieg gekauft. Er und seine Frau wollten bleiben, freiwillig staatenlos. Der Onkel verbot uns, außer Haus deutsch zu sprechen. Später ist meine Mutter gestorben. Dann mein Großonkel und meine Großtante. Mein Großvater ist von einem Spaziergang in diesen Bergen nicht wieder zurückgekehrt. Jäger fanden ihn zwei Wochen später nach einem Herzinfarkt. Sie alle liegen unten im Tal auf unserem kleinen Stück Land begraben. Meine Cousine aus Paris hat kürzlich in unserem Dorf ein großes, schönes Hochzeitsfest gefeiert, alle Dorf- bewohner waren da.
Depuis que je me souviens: Ich sehe die rauhe, schöne Sommerlandschaft, die alten Häuser, und ich fühle die Vergangenheit an jeder Ecke.

Ute Aurand und Maria Lang über ihren Film Der Schmetterling im Winter :
Die Filmemacherin Maria Lang liest aus ihrem Tagebuch, das sie seit 1991 führt, nachdem sie an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrte, um die Mutter zu pflegen, die sich alleine nicht mehr zurechtfindet.
Vierzehn Jahre später filmt Ute Aurand ihre Freundin Maria Lang bei der täglichen Pflege. Jeden Morgen macht Maria die Fensterläden auf, setzt die Mutter in den Rollstuhl, wäscht sie, cremt sie ein, zieht sie an und kämmt ihr die langen weißen Haare.
Das wiederholt sich Tag für Tag, und doch ist jeder Tag anders.

Ute Aurand, Milena Gierke und Deborah Phillips werden anwesend sein.

Zusammengestellt von Milena Gierke