FILMSAMSTAG

Filmsamstag am 22. November 1997

Filmkunsthaus Babylon



In den Filmen, die wir diesmal zeigen, werden keine Geschichten erzählt, und es wird nichts beschrieben, sondern es sind Filme, in denen etwas gesehen wurde, gesehen und dann aufgezeichnet, ohne Erklärung und ohne Kommentar. Dieses Aufzeichnen beinhaltet immer einige Entscheidungen:
das Format, die Cadrage,die Länge der Einstellungen usw. betreffend, und diese Entscheidungen werden in Filmen, in denen der Zuschauer nicht durch eine Geschichte oder einen Schauspieler abgelenkt wird, sichtbarer.
In Ute Aurands Film ‘Stachelbeeren’ sehen wir in einer einzigen Einstellung zwei Minuten lang einen Stachelbeerstrauch im Sommer. Er füllt das ganze Bild aus, leise bewegen sich die Blätter im Wind, es sind zwei Minuten Realzeit, und der Stachelbeerstrauch, den wir auf der Leinwand sehen, verwandelt sich in alle Stachelbeersträuche unserer Kindheit.
Ganz anders der Film ‘Baustelle’ von Theo Thiesmeier. Hier wird ein längerer Zeitraum von fünf Monaten zusammengefasst zu vierundzwanzig Minuten: jeden Tag nur zehn Sekunden und wir sehen in diesen zehn Sekunden, wie aus einer Straße eine Baustelle wird und dann wieder Straße, und durch diese Straße fährt zum Schluß eine Straßenbahn.
Theo Thiesmeier schreibt dazu:
„Man stelle sich diese Baustelle vor der eigenen Tür vor. Über 5 Monate hinweg begegnete ich der lärmintensiven Sitaution mit der leidenschaftlich genau eingehaltenen Auslösung der Kamera um 15 Uhr für zehn Sekunden. Die mir in diesem engsten Rahmen bereitende Möglichkeit selbständiger Entscheidungen, betraf einen Zeitraum von ein oder zwei Minuten vor oder nach 15 Uhr. In diesen drei, vier Minuten durfte ich schauen, beobachten und entscheiden. Darauf konnte ich mich den ganzen Tag über freuen oder auch daran leiden. Die Wahrnehmung und das Interesse für die Baustelle als ein Ort ständiger Veränderungen, Veränderungen des Lichtes, der Farben, der Bewegungen umkreisten immer den Zeitpunkt von 15 Uhr. So wollte ich eine größtmögliche Regelmäßigkeit schaffen, die all diese Veränderungen eindeutig hervortreten lässt.“

Wir zeigen außerdem einen Film von Lilli Herschhorn, die 1971 als Ethnologin in Afghanistan unterwegs war und dort von ihrem Hotel aus das Leben um eine Wasserpumpe herum beobachtete. Dann einige Filme von Helga Fanderl, die sie für diesen Abend zusammengestellt hat:
‘Apfelernte; Mädchen; Sommer; Netzaufziehen’.
Von Ernie Gehr ‘Shift’, von Helen Levitt & James Agee ‘In The Streets’ von Renate Sami ‘Marokko’ und von Bruce Baillie als Schluß ‘All My Life’.

Allen diesen Filmen ist eine Konzentration eigen, die sich auf den Zuschauer überträgt, und die wir so selten im Kino finden, und das ist es, was diese Filme so kostbar macht.

Ute Aurand Renate Sami Theo Thiesmeier



Stachelbeeren von Ute Aurand 1991 2min

Baustelle von Theo Thiesmeier 1994 24min

Shift von Ernie Gehr 1972 9min

Die Wasserpumpe von Lilli Herschhorn 1969 18min

In The Streets von Helen Levitt & James Agee 1951 16min

Marokko von Renate Sami 1997 5min

Apfelernte; Mädchen; Sommer; Netzaufziehen von Helga Fanderl 1992/96 10min

All My Life von Bruce Baillie 1966 3min